Ein Jahr Texteschmiede – ein Rückblick
Auf www.selbstaendig-im-netz.de läuft zur Zeit eine Blogparade zum Thema “Positive und negative Erfahrungen mit der Selbständigkeit”. Da ich jetzt seit einem Jahr meine eigene Herrin bin, ist das also die ideale Gelegenheit, um einmal Revue passieren zu lassen.
Mehr Sonnenschein, als man denkt
Ursprünglich bin ich mit dem Gedanken in meine Selbständigkeit gegangen, dass jeder nebenbei verdiente Euro besser ist, als gar keiner. Primär ging es mir also darum, mein Studium ein wenig mit zu finanzieren. Schon wenige Wochen nach Beginn musste ich feststellen: Wer als Texter arbeiten möchte und auch wirklich einen guten Stil hat, der hat immer was zu tun. Schon im ersten Monat wurde aus der angedachten Nebentätigkeit ein Hauptberuf. Das Studium rückte vollkommen in den Hintergrund (natürlich habe ich es mittlerweile trotzdem beendet).
Ernüchternd wirkte es für mich schon am Anfang, wie unglaublich schlecht manche Leute Texter bezahlen wollen. Bei diesen Textbörsen verstehe ich das noch, denn denen geht es nicht um die Qualität oder um die Texter, sondern nur darum, dass möglichst viel, möglichst billig Content geschaffen wird. Was mich aber viel mehr aufregt als die Börsen sind diejenigen, die ihre eigenen Leistungen teuer verkaufen (zum Beispiel als SEO), dann aber nicht bereit sind, auch für gute Texte zu bezahlen – die sie für ihre Arbeit dringend brauchen. Während man sich selber für ein paar Links gleich 100 Euro abzwackt, ist für Texte höchstens ein Zehntel übrig. Das ärgert mich, denn auch Texte ohne tiefgehende Informationen machen mir Arbeit. Vielen ist das nicht klar. Allerdings habe ich das einzige, hilfreiche Mittel dagegen mittlerweile auch erkannt: Nicht aufregen und einfach ablehnen.
Der Start: Holprig und doch glatt
Der Start in die Selbständigkeit war sehr einfach. Ein kurzer Anruf bei einem sehr freundlichen Mitarbeiter beim Finanzamt und ich wusste, wie ich mich anmelde und was ich dafür brauche. Auch die Krankenversicherung war überhaupt kein Problem. Das konnte ich online erledigen, ich musste nur mein Einkommen schätzen. Alles in allem war der Einstieg also sehr unkompliziert und ist für mich auch ein Grund, wieso man ihn nicht als Hürde meiden sollte. Denn so einen großen Aufwand brachte er gar nicht mit sich.
Nervenaufreibend wurde es nur in Sachen Vorsteuer. Weder Finanzamt, noch Gründungsberatung konnten mir erklären, wann ich wie viel Vorsteuer zu leisten habe. Mir wurde immer nur ein entsprechender Passus vorgelegt, den ich aber nicht verstand. Ich habe einige Wochen gebraucht, um herauszubekommen, was es mit der Vorsteuer und den zwei Grenzen von 17.500 und 50.000 Euro auf sich hatte. Das war einfach nur total nervtötend, denn eigentlich war die Antwort ganz einfach. Dass man mir die nicht so sagen konnte, sondern mir gleich mit Amtsdeutsch kam, blieb mir nicht so gut in Erinnerung.
Knete, Kies, Moneten
Die erste Rechnung zu stellen war ein wahnsinnig erhebendes Gefühl. Ich habe Geld verdient! Und nicht nur einen Zehner, sondern viel, viel, viel mehr. Endlich war ich nicht mehr die faule Studentin, die ihrem Mann auf der Tasche liegt, sondern hatte einen Beruf.
Aber auch in Sachen Zahlungsmoral gibt es nicht nur Gutes zu berichten. Manche Firmen finden es durchaus legitim, mit der Begleichung der Rechnung drei Monate zu warten – besonders ärgerlich, wenn es um hohe Beträge geht und die nächste Steuerzahlung fällig wird. Selbst Hinweise auf ein Zahlungsziel werden hier elegant ignoriert. Auch heute noch gerate ich manchmal an solche Kunden. Das ist ärgerlich. Es kostet zwei Minuten Zeit, am Telefon oder per E-Mail zu klären, dass man gerade nicht zahlen kann und es etwas dauert. Stattdessen wurden freundliche Anfragen einfach ignoriert. Zum Glück macht diese Art von Kunden nur einen geringen Teil aus, und zwar den Teil, von dem ich mich dann auch immer schnellstmöglich wieder trenne.
In Arbeit absaufen geht leicht
Ich hatte von Anfang an keine größeren Probleme, an Aufträge zu kommen. Sicher, hin und wieder schwankt es mal, und zwar durchaus kräftig. Doch das Minimum, das ich mir selbst gesetzt habe, habe ich bisher in jedem Monat erreicht. Und das motiviert natürlich tierisch. Es ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, an interessante Aufträge zu kommen, die im besten Fall auch immer super bezahlt werden. Ich schreibe darum durchaus auch mal Texte mit weniger Ansprüchen und für weniger Geld, solange ich nicht für 5 Euro eine Stunde am PC sitze. Dann lehne ich doch lieber ab und nehme mir einen Nachmittag frei. Der optimale Fall sieht für mich natürlich andersrum aus: Dann habe ich so viel zu tun, dass ich auch anderen Textern Arbeit geben kann. Das kommt hin und wieder mal vor und gibt mir das Gefühl, etwas wirklich richtig gemacht zu haben.
Zu viel Arbeit kann aber auch schnell in Stress ausarten. Zum Beispiel, wenn man einen sehr großen und sehr dringenden Auftrag annimmt. Ich hatte da einmal eine Situation – die Texte waren von der Bezahlung nicht gerade super, aber für mich so gerade noch tragbar und mit wenig Recherche verbunden – da sollte innerhalb einer Woche unheimlich viel fertig werden. Zwischendurch bekam ich Feedback vom Kunden, das zwar im Großen und Ganzen positiv war, aber hin und wieder eben auch Kritik beinhaltete. Und diese kleinen Kritiken haben schon ausgereicht, dass ich fast wahnsinnig geworden bin. Sind die Texte gut genug? Warum habe ich zu den letzten Zehn kein Feedback bekommen? Muss ich sie neu schreiben? Bei dem Auftrag war ich kurz davor, mich beim Arzt ne Woche krank schreiben zu lassen. Aber das geht ja nicht als Selbständiger. Also Zähne zusammengebissen, durchgehalten und der Kunde war zufrieden. Man, war ich euphorisch, als ich diesen Auftrag gestemmt hatte! Fürs nächste Mal weiß ich es trotzdem besser.
Kontakte
Was ich in meiner Selbständigkeit als am schönsten Empfinde sind die vielen Kontakte, die sich gebildet haben. Nicht jeder Kunde kam über eine Jobbörse. Viele hatte ich schon ewig im ICQ und wir fanden zufällig auch geschäftlich zueinander. Oder wir sind in einem Forum aufeinander gestoßen, betreuen gemeinsam ein Projekt oder empfehlen uns gegenseitig weiter. So entsteht eine wunderbare Win Win Situation, von der beide Seiten etwas haben. Das macht mir sehr viel Spaß und die schönsten Aufträge kommen meist von solchen Kontakten.
Und sonst?
Auch wenn ich jetzt für fast jeden Aspekt einen negativen Punkt gefunden habe: Wenn ich ehrlich bin, ist die Selbständigkeit das Beste, was mir überhaupt passieren konnte. Ich bin mein eigener Chef und kann meine Zeit nicht nur frei einteilen, ich weiß auch, dass ich zu 100 Prozent selbst verantwortlich bin. Ich kriege nicht irgendwas vorgelegt, das ich dann bearbeiten muss, sondern suche selber aus, was überhaupt bearbeitet wird und was ich ablehne. Ich muss auch niemanden um Urlaub bitten und kann mal spontan zum Zahnarzt fahren, wenn es denn sein muss. Und es schimpft keiner mit mir, wenn ich zwischendurch mal eine Pause mache und im Internet surfe. Kurz: Ich kann es mir überhaupt nicht mehr vorstellen, nicht selbständig zu arbeiten, um nichts in der Welt.
Nur eine Kleinigkeit ärgert mich. Gerade im Bereich der Freunde und Verwandten nehmen viele meinen Beruf gar nicht als Beruf an. Immerhin arbeite ich zu Hause. Und ich habe keinen Chef. Das kann also keine richtige Arbeit sein. Nur so ein kleines Taschengeld nebenbei. Ich will aber nicht immer jedem aufschlüsseln, was ich verdiene, nur um solche Leute zum Schweigen zu bringen. Also muss ich es über mich ergehen lassen, dass mich nicht jeder für voll nimmt. Leider. Aber ich denke, das wird die Zeit bringen.
